Raubkunst etc.

Gurlitt geistert erneut durch die Presse, das Ungeheuer der Nazizeit … der personifizierte Böse, an dessen Besitz alle Scheußlichkeiten unserer Vorfahren abzulesen sind. Man scheint ihn besonders zu verteufeln, weil in diesem Fall das ungeheure Ausmaß des Diebstahls zu Tage tritt. Der alte, verschrobene Mann war zudem ein leichtes Opfer für die Projektion der allgegenwärtigen Schuld. Es sind äußerst medienwirksame Neuigkeiten aus der Vergangenheit, die wir mit einem Schauern aus der sicheren Ferne beobachten. Die Annahme des Erbes durch das Kunstmuseum Bern ist eine globale Nachricht, die sogar als Begründung herhalten muss, dass sich diese Woche kein Raum für eine Besprechung unserer neuen Ausstellung fand. Raubkunst ist interessanter!

Am Tag der Pressekonferenz in Berlin, bekam ich einen kurzen Besuch in meinem Büro. Jemand bat mich um Rat bezüglich eines Gemäldes aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Onkel habe es mitgebracht, aus dem Krieg. Er habe es in einem zerbombten Haus gefunden und mitgenommen, drüben in Belgien. Es sei jetzt neu gerahmt, denn es sei ja aus dem Rahmen geschnitten gewesen, und sollte eigentlich auch etwas Wert sein, denn in dem Haus hätten sich viele Kunstwerke befunden, die Wände seien dicht behängt gewesen. Ob ich dazu etwas sagen könnte, ob mir denn der Künstler bekannt sei?

Nein! Was soll man auch dazu sagen – auf die Schnelle? Den Künstler kannte ich nicht. Erst nachdem sich mein Besucher verabschiedet hatte, wurde mir das eigentliche Problem deutlich. Denn natürlich handelte es sich bei der Tat des Onkels um einen Verstoß gegen Artikel 53 der Genfer Konvention. Die Trophäe ist das Ergebnis eines Verbrechens! Doch muss man sich das auch erst einmal fünf Minuten durch den Kopf gehen lassen.

Ich bezweifle, dass mein Besucher diese Argumentation verstanden hätte, begriffen, dass Gurlitt das gleiche moralische Problem umtrieb. Wir alle sind Gurlitt!

 

 Nachtrag:

Gestern erhielt ich dann eine e-mail, in der mich wiederum jemand zu konsultieren suchte, wo sich denn die Keramikskulptur einer Eule am besten verkaufen ließe, die in mehreren beigefügten Aufnahmen dokumentiert war. Ich vermute, dass Google die Verbindung zwischen dieser Eule und den gemalten Eulen aus unserer ‚Artefakte’ Ausstellung in diesem Sommer hergestellt hatte, denn ich sehe mich weder als Experten für Eulen noch für Keramikskulpturen. Ich bin auch kein Kunstveräußerungsberater!

Eine Kleinigkeit machte die Eule dann aber besonders bemerkenswert, denn sie stammte angeblich aus dem Besitz von Joseph Goebbels. Nazi-Memorabilia! Gurlitt ist wirklich überall!

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Raubkunst etc.

  1. Pingback: Gurlitts Erbe und die Bewältigung der Vergangenheit

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