Erinnerungskultur

 

Irgendwie lässt mich mein altes Thema der Erinnerungskultur zur Zeit nicht los!

Zur fortgesetzten Vergangenheitsbewältigung gibt es ja nun seit kurzem das NS-Dokumentationszentrum München, eine ehrwürdige Institution, die uns erklären soll, wie es zu dem ganzen Schlamassel hatte kommen können und wer die Schuld daran trug: viel Text und viele Bilder, mit denen die historischen Geschehnisse chronologisch eingeordnet und dokumentiert werden, in denen dargelegt wird, wie Staat und Diktatur funktionierten.

Dazwischen dann dieser Wandtext (noch weiß ich nicht, ob es sich um einen Einzelfall handelt; nach zwei Stunden ließ die Konzentration etwas nach und für die restlichen Etagen braucht es einen weiteren Besuch):

Existenzvernichtung und Isolierung der Juden

In den Wochen nach dem Novemberprogrom führten staatliche Verordnungen zur Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden. Gewerbetreibende, Handwerker, Arzte und Anwälte erhielten Berufsverbot. Nur ein kleiner Teil durfte noch für Juden tätig sein. Bei der ‚Arisierung’ jüdischer Gewerbebetriebe, dem legalisierten Raub von Eigentum, übernahm der Staat nun selbst die Führung: Er ordnete per Gesetz die zwangsweise Übernahme beziehungsweise Auflösung aller noch verbliebenen jüdischen Wirtschaftsunternehmen an. Die Gewinne der ‚Arisierung’ flossen in die Staatskasse, teilweise auch auf regionale Parteikonten und in private Taschen. Über öffentliche Versteigerungen von Gegenständen ‚aus nichtarischem Besitz’ profitierten auch viele Bürger vom Raubgut.

Immer neue Verordnungen verschärften zugleich die gesellschaftliche Isolierung der Juden. Der Besuch öffentlicher Kulturveranstaltungen jeder Art war ihnen seit dem 12. November 1938 verboten. Alle Wertgegenstände mussten abgegeben werden. Seit dem 1. Januar 1939 mussten Juden zwangsweise die Vornamen ‚Israel’ beziehungsweise ‚Sara’ führen. Seit April 1939 wurden Juden gezwungen, ihre Mietwohnungen zu verlassen und in Häuser einzuziehen, die sich im Besitz von Juden befanden. Diese Zusammenlegung in die drangvolle Enge sogenannter Judenwohnungen verschärfte die gesellschaftliche Separierung.

In München war die ‚Arisierungsstelle’ in der Widenmayerstraße 27 treibende Kraft für die Schikanen, enteignungen und Terrormaßnahmen. Unter der Leitung von Hans Wegner betrieb diese im Frühjahr 1939 eingerichtete Behörde insbesondere die profitable ‚Entjudung’ des des Wohnungs- und Immobilienmarktes. In den Kriegsjahren lenkte sie auch den jüdischen Zwangsarbeitereinsatz und wirkte bei den Deportationen mit.

(Die Hervorhebungen sind meine.)

Dieser Text stellt so viele Fragen:

Wer sind „die Juden“? Menschen jüdischen Glaubens? Menschen, die einer jüdischen Gemeinde angehören? Menschen, deren Mutter jüdischen Glaubens war? Atheisten, deren Mutter jüdischen Glaubens war? Assimilierte Juden? Vom Glauben abgefallene Juden? „Halbjuden“? „Vierteljuden“? Oder Menschen, die von den Nazis als „Juden“ definiert wurden?

Wenn wir ‚Arisierung’, ‚Arisierungsstelle’ oder ‚Entjudung’ als Zitate begreifen, als von den Nazis geprägte menschenverachtende Begriffe im Zusammenhang des Holocaust, weshalb stehen dann „die Juden“ nicht als Zitat in Anführungszeichen?

Was um Himmels willen sind „jüdische Gewerbebetriebe“, „jüdische Wirtschaftsunternehmen“ und „jüdischer Zwangsarbeitereinsatz“? Gehen die zum Sabbat in die Synagoge?

Und „sogenannte Judenwohnungen“? Wer nennt die so? Der Volksmund, die Autoren? Etwa wie in „das Haus der Kulturen der Welt im Berliner Tiergarten, in der sogenannten ‚Schwangeren Auster’“? Oder sollte man hier doch einfügen, dass es sich um ein historisches Zitat handelt?

Wer waren denn die Nutznießer? Dem Text nach, „profitierten auch viele Bürger vom Raubgut“. Ah ja, das waren also die einen. Und „die Juden“, die Anderen, waren keine „Bürger“?

Man mag fast darüber verzweifeln, wie ein Text in einem Museum, das im Mai 2015 eröffnet wurde und das um ein Verständnis von Geschichte bemüht ist, terminologisch in der Nazi-Zeit gefangen bleibt und damit die antisemitische Ausgrenzung durch die Täter, die hierfür stets auch das Mittel der Sprache nutzten, bis heute fortsetzt.

 

 

 

 

 

 

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