Museumsflut

 

Antwort:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Oktober 2015:
Vielleicht gibt es einfach zu viele Museen – Christiane Lange im Gespräch

 

Liebe Christiane Lange,

Museen haben immer weniger Geld zur Verfügung – das ist schade.

Es wird stets aufs Neue an der Kultur gespart – das ist kurzsichtig.

Die Schließung von Museen geringer Reichweite und minderer Qualität, die Sie in diesem Interview als Lösung des Problems ins Spiel bringen, ist aber eine extreme Fortführung eben jenes kapitalistischen Modells, das Sie als die Ursache der Museumsflut ausgemacht haben.

Auf den ersten Blick erschien mir dies fast einleuchtend, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr ärgert mich Ihre Haltung, die zum einen zwischen guter und nicht so guter Kultur differenziert und zum anderen jenen ein Vorrecht auf Kultur einräumt, die in dicht besiedelten Regionen leben. Hier unterscheidet sich wohl der Fokus unserer Museumsarbeit. Während Sie in der Staatsgalerie die Wissenschaft und die große Kunst vorantreiben, bemühe ich mich darum, ein erster Anlaufpunkt in Sachen Kultur zu sein und ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Hier, in der Provinz, gibt es noch viele Menschen, die wir erreichen können, die aber sicher nicht für einen Museumsbesuch nach München oder Stuttgart reisen.

Deshalb haben wir in der letzten Woche auch jemanden für die Öffentlichkeitsarbeit eingestellt. Es geht gerade darum, nicht nur jene zu erreichen, die sich sowieso schon für Kultur interessieren – das übliche Bildungsbürgertum – sondern die kulturelle Bildung voranzutreiben.

Außerdem können wir diejenigen Künstler ausstellen, die vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren in der Staatsgalerie gezeigt werden, die heute noch keinen Namen haben und die für Sie ein viel zu großes Risiko darstellten. Wenn Sie sich nicht einzig auf den Markt und die Macht einiger weniger Galerien verlassen möchten, braucht es die kleinen Häuser.

Fordern Sie denn auch, all die Bücher einzustampfen, die Sie mangels Zeit nicht lesen können? Ist nicht die kulturelle Vielfalt ein höheres Gut, als in jedem beliebigen Museum die selben internationalen Großkünstler zu sehen?

Ich wäre mir außerdem gar nicht so sicher, wie das Urteil ausfiele, wenn die Kosteneffizienz der Häuser in die Beurteilung mit einfließen würde. Mit 10 Mitarbeitern stemmen wir 12 Ausstellungen pro Jahr. Über das Budget brauchen wir gar nicht zu reden. Sind sie sicher, dass Ihre Ausstellungen entsprechend wertvoller sind?

Herzlichst,
Axel Lapp
MEWO Kunsthalle Memmingen

 

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Museumsflut

  1. Sehr guter Kommentar, der die Arroganz von Langes These deutlich macht. Allerdings zwei Anmerkungen: Es gibt durchaus Leute, die zum Megaevent in die Großstadtmuseen reisen, aber noch nie das örtliche Museum wahrgenommen haben – das sind aber unterschiedliche Wahrnehmungen der Aufgabe von Museen. Und für mich zieht das etwas polemische Argument der Kosteneffizienz nicht so richtig. Ich finde das, mit Verlaub, etwas arrogant in die andere Richtung, denn die Strukturen, Aufgaben und Erwartungen unterscheiden sich eben doch erheblich. Zu suggerieren, dass die großen Museen sich bequem im Geld suhlen, ist eine Fehleinschätzung und verkennt das Engagement der einzelnen Mitarbeiter/innen für möglichst kostengünstige Lösungen.

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