Julius Guggenheimer (1)

 

Diese Stellungnahme (eines Herrn, der gerne ungenannt bleiben möchte) erreichte mich am 20.2.2016:

„Die Faszination mit der Schönheit seiner Heimatstadt spricht aus jedem seiner Bilder.“

Für 3 Euro.(1)

Memmingen entdeckt nach 77 Jahren seine Liebe zu Herrn Julius Guggenheimer. Ein ehemaliger Mitbürger, Kaufmann mit Ladengeschäft in der Kalchstraße, Amateurfotograf, verheiratet, 2 Kinder.

Das große Vergessen – das große Schweigen bis heute.(2)

Herr Guggenheimer wurde damals 1939 als Jude samt seiner Familie von seinen Memminger Mitbürgern so eingeschüchtert und mit dem Tode bedroht, dass er nach Amsterdam floh. Abriss der Memminger Synagoge 1938 durch u.a. Hebel, Unglehrt und Kutter unter Mitwirkung von Memminger Lehrern mit ihren Schülern, Zerstörung von Wohnungen jüdischer Mitbürger …

Wieviel musste Herr Guggenheimer damals bezahlen um das Land verlassen zu können? Wer hat von seinem Hausrat, Vermögen, seiner Wohnung, seinem Laden profitiert?

Wurden den Rechtsnachfolgern der jüdischen Gemeinde jemals die Abriss Kosten für ihre Synagoge erstattet, oder reicht das schäbige Erinnerungstäfelchen am ehemaligen Ort der Synagoge?

Jetzt, da seine Fotos wieder aufgetaucht sind, sonnt sich die Stadt, will teilhaben am gleißenden Licht, hebt den ehemals Verjagten in ihren Heimathimmel – und bemerkt nicht, dass dies neue Licht auch den ganzen Dreck erhellt, der an den Fingern der Stadt haftet.(3)

Nie wurde uns Schülern der Bismarck Schule damals über das verkommene Gelände gegenüber unserer Schule erzählt. Im Gymnasium bis 1969 kein Wort über eine Memminger Synagoge,(4) über ein KZ Türkheim, über das Herausjagen Memminger Familien aus ihren Wohnungen frühmorgens um halb 4, Hinaufprügeln auf Lastwagen und Abtransport der Geschundenen durch Memminger Normalbürger mit der alleinigen Rechtfertigung, dies seien ja Juden.

Jetzt, 77 Jahre nach seiner Flucht wird der ermordete Herr Guggenheimer also rehabilitiert(5), weil er ja Künstler war, ein Memminger Künstler und ein, aufgemerkt: „jüdischer Fotograf“(6). Dabei fällt mir gleich mein katholischer Fahrlehrer, mein evangelischer Schreiner, meine neuapostolische Klempnerin ein.

Herr Guggenheimer kann sich gegen den Missbrauch durch die Stadt Memmingen nicht mehr wehren.(7)

Ihre Bewerbung der Ausstellung verschweigt(8) den Hass Memminger Mitbürger auf ihn und seine jüdischen Glaubensbrüder/Schwestern/Kinder. Und verschweigt, dass in dieser ihm plötzlich so wohlgesonnenen Stadt vor nicht wenigen Jahren das Wahlergebnis für die NPD bei 20% lag, dass der Bürgermeister von Memmingen den Schrannenplatz des Nachts als nicht zu sichernde Zone erklärt hat: wer da nachts hingehe und sich in Gefahr bringe, sei selber schuld und dass mittlerweile die Memminger Bürgerwehr bundesweit bekannt ist. – Es hat sich scheinbar im Herzen vieler Memminger gar nichts geändert. Darum wohl auch der Eintrittspreis von Euro 3? Kann denn nach 77 Jahren immer noch nicht eine Fotoausstellung eines Amateurfotografen kostenlos angeboten werden eben weil er Jude war? Wäre die Wiederentdeckung eines verjagten Künstlers der Heimat nicht eine gute Gelegenheit endlich den Teppich anzuheben und den Dreck ans Licht der Memminger Öffentlichkeit zu zerren?(9) Andrerseits: was gäb das für ein Theater! Was sollen die Leute denken? Besser der Künstler beteiligt sich ein wenig an den Kosten.

(Die Unterstreichungen und Nummerierungen sind von mir und ich möchte diese Stellen in meiner Antwort kommentieren.)

 

Sehr geehrter Herr XXX,

haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 20. Februar 2016.

Ich finde Ihre Reaktion auf unsere Ausstellung spannend und äußerst interessant, und würde behaupten, dass wir in der Sache kaum unterschiedlicher Meinung sind. Einzig die Interpretation der Perspektive und Intentionen ist eine etwas Andere.

Die MEWO Kunsthalle und ich – als Ihr Leiter sowie als Kurator dieser Ausstellung – sind nicht Teil einer Kampagne, die das Ansehen der Stadt Memmingen und ihrer Bürger bereinigen und ihre Taten, Beteiligungen und Versäumnisse während und nach der nationalsozialistischen Diktatur durch eine neue Erzählung der Geschichte ungeschehen machen möchte. Diese Ausstellung ist keine Propaganda.

Sie ist eine Erzählung historischer Objekte, die durch die Taten unserer Eltern und Großeltern für uns alle eine gewisse Brisanz erhält, zum anderen natürlich auch eine Folie, durch die wir einen Blick auf die Gegenwart lenken. Die zwei wichtigen Fragen, die sich mir mit dieser Ausstellung stellen, sind:
– Wie können wir sicherstellen, dass Menschen in unserer Stadt und in unserem Land nicht noch einmal auf Grund ihrer Religion diskriminiert werden und letztlich noch schlimmeres zu fürchten haben. Die Synagoge in Memmingen, die auf einem Foto in der Ausstellung zu sehen ist, wurde im September 1909 mit großer Beteiligung der Memminger Gesellschaft eingeweiht und nur 29 Jahre später in der Reichsprogromnacht zerstört. Gäbe es ein schlimmeres Versagen dieses Staates, wenn Menschen, die heute hier leben oder heute unseren Schutz suchen in wenigen Jahren nicht mehr sicher wären?
– Wie können wir Flüchtlingen heute Asyl verweigern, wenn wir die historischen Dokumente in dieser Ausstellung betrachten und sehen, dass das Visum der honduranischen Botschaft in Bern für Julius und Regina Guggenheimer am 28. Juni 1943  ausgestellt wurde, drei Wochen nachdem die beiden in Sobibòr ermordet wurden?

Aber vielleicht gehe ich die Punkte einfach der Reihe nach einmal durch:

(1)  „Für 3 Euro.“
– Die Frage, ob man ein Eintrittsgeld erhebt ist eine Grundsätzliche. Es gibt sehr viele Argumente dafür, kulturelle Bildung und in diesem Fall auch historische Bildung, kostenfrei zugänglich zu machen. Es gibt mindestens genausoviele Argumente dagegen.
Wir verlangen ein sehr moderates Eintrittsgeld, das deutlich niedriger liegt als in den vergleichbaren Institutionen der Region, und wir verzichten bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren, bei Schul- und Studentengruppen ganz darauf. Auch Führungen sind für Schulklassen und andere Jugendgruppen kostenlos.
Ich hätte nichts dagegen, das gesamte Bildungsangebot der MEWO Kunsthalle kostenfrei anzubieten. Dies würde dann aber alle Ausstellungen betreffen und müsste durch den Stadtrat entschieden werden.

(2)  „das große Schweigen bis heute.“
– Das große Schweigen kann ich nicht erkennen. Seitdem ich hier lebe (ich bin im November 2012 nach Memmingen gezogen), sehe ich eine recht aktive Erinnerungskultur, die großes Augenmerk darauf legt, die Geschichte begreifbar zu machen. Seit 15 Jahren gibt es eine jüdische Abteilung im Stadtmuseum, der Verein der Stolpersteine e. V. forscht in Memmingen und macht die Erinnerung sichtbar und auch wir bemühen uns, in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, Interesse an den Objekten der Vergangenheit zu wecken und sie ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken. (siehe auch Kommentar zu (4))

(3)  „bemerkt nicht, dass dies neue Licht auch den ganzen Dreck erhellt, der an den Fingern der Stadt haftet.“ – Halten Sie uns wirklich für so naiv? Natürlich stellt eine solche Ausstellung auch Anderes in Frage. Natürlich muss untersucht werden, was mit den Objekten geschehen ist, die aus den Haushalten jüdischer Mitbürger gestohlen wurden. Dass dies nicht früher  geschehen ist, können Sie nicht denen vorwerfen, die sich heute darum kümmern.

(4)  „Nie wurde uns Schülern der Bismarck Schule damals über das verkommene Gelände gegenüber unserer Schule erzählt. Im Gymnasium bis 1969 kein Wort über eine Memminger Synagoge“
– Ihr Vorwurf kann nicht mir und der Ausstellung in der MEWO Kunsthalle gelten. Dieses historische Versäumnis werde ich nie aufholen können.

(5)  „rehabilitiert“
– Es gibt nun wahrlich keinen Grund, Julius Guggenheimer zu rehabilitieren. Er hat keine Schuld auf sich geladen, sondern war das Opfer eines verbrecherischen Regimes und seines willfährigen Volkes. Zudem ist diese Ausstellung mit Sicherheit auch kein ‚Persilschein‘ für die Stadt Memmingen oder ihre christlichen Bürger.

(6)  „„jüdischer Fotograf““
– ich nehme hier selbst die Anführungszeiten mit als Teil des Zitats, denn Sie suggerieren damit, dass wir Julius Guggenheimer als „jüdischen Fotografen“ bezeichnen. Wenn Sie sich die anderen Artikel meines Blogs ansehen, sollten Sie erkennen, dass ich hier recht empfindlich reagiere. In allen Texten zur Ausstellung, die  von mir freigegeben wurden, steht nur ein einziges Mal „jüdischer Fotograf“ und zwar wenn es um das Verhältnis zwischen Guggenheimer und den Mönchen in Ottobeuren geht, wo die Konfession des Fotografen durchaus eine Rolle spielt: „Dies war nicht einfach ein jüdischer Fotograf, der in einem Kloster fotografierte. Die katholischen Mönche und Priester, wie auch die Nonnen, arbeiteten gemeinsam mit ihm an diesen Bildern.“
Für die Kommentare über die Ausstellung und das mangelnde Sprachgefühl der Presse können Sie mich nun wirklich nicht verantwortlich machen.

(7)  „Herr Guggenheimer kann sich gegen den Missbrauch durch die Stadt Memmingen nicht mehr wehren.“
– Ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen, dass sich Julius Guggenheimer dieser Ausstellung verweigern würde. Wir würdigen ihn damit als wichtigen Fotografen seiner Zeit und dokumentieren sein Werk mit einer hochwertigen und wegweisenden Publikation. Ihre Kritik könnte ich nur verstehen, wenn wir die Verfolgung Guggenheimers verschwiegen hätten, aber selbstverständlich erzählt die Ausstellung genau diese Geschichte mit.
Im Ende kann ich statt seiner nur auf die Aussagen seiner Nachkommen vertrauen, die extra zur Ausstellungseröffnung angereist waren und froh über die späte Würdigung ihres Groß- und Urgroßvaters waren.
Was wäre denn die Alternative? Weil die Stadt Memmingen und ihre Bürger Schuld auf sich geladen haben, darf hier keine Ausstellung stattfinden? Wäre es besser wir hätten die Ausstellung nicht organisiert?

(8)  „verschweigt“
– Der auf einem Faltblatt zur Verfügung stehende Text ist begrenzt. Wir können damit nicht alle Wahrheiten abdrucken, genauso wenig, wie wir in einer einzigen Ausstellung die Geschichte des Nationalsozialismus und die rechten politischen Tendenzen bis zur Gegenwart abdecken können. Es gibt Verkürzungen aber es gibt dann auch einen recht ausführlichen Katalog und wir machen viele Führungen. Doch muss ich auch darauf vertrauen können, dass das Publikum einige grundlegende Informationen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bereits kennt – wir wären überfordert, ein ganzes Leben an Allgemeinbildung in einer Ausstellung aufzuholen.

(9)  „Wäre die Wiederentdeckung eines verjagten Künstlers der Heimat nicht eine gute Gelegenheit endlich den Teppich anzuheben und den Dreck ans Licht der Memminger Öffentlichkeit zu zerren?“
– Die MEWO Kunsthalle kann ja so einiges, sie kann aber nicht die umfassendes historische Aufarbeitung eines ganzen Jahrhunderts leisten. Wir sind kein historisches Institut.
Bisher bin ich mit dem Verlauf der Ausstellung, mit dem Andrang der Memminger, die kommen um sich die Aufnahmen anzusehen und dann vom Schicksal des Fotografen betroffen sind, mit der Reaktion des Publikums bei den Führungen sehr zufrieden. Viele Besucher verlassen das Haus mit Fragen zur Geschichte der Stadt.
Machen Sie doch mit, wenn Sie dieses Thema für wichtig erachten! Engagieren Sie sich im Historischen Verein oder beim Verein der Stolpersteine!

Gehen Sie doch einmal mit mir durch die Ausstellung!

Ich würde mich gerne einmal direkt mit Ihnen über die Ausstellung unterhalten.

Mit besten Grüßen

Axel Lapp

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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