Relevanz, und wenn nein, für wen?

 

Vor kurzem dokumentierte die Webseite www.nachtkritik.de Necati Öziris Abschlussvortrag bei den diesjährigen 45. Römerberggesprächen. „Welche Welt bedeuten diese Bretter? – Das Theater als zeitgenössisches Medium gesellschaftlicher Repräsentation“ ist eine äußerst lesenswerte Abhandlung zur gesellschaftlichen Relevanz von Theater, und von Kunst insgesamt. Er zeigt auf, wie sich kulturelle Arbeit zwingend verändern muss, wenn sie nicht in ästhetischer Belanglosigkeit enden will.

Für Öziri liegt das Hauptproblem in dem unserer Gesellschaft innewohnenden Rassismus, der Minderheiten von kultureller Teilhabe ausgrenzt und für einige ein ererbtes Privileg bedeutet.

„[Rassismus] ist eine Struktur, eine Machtstruktur, die Menschen effektiv – also im Effekt, das heißt egal ob beabsichtigt oder nicht – unterrepräsentiert und somit von Ressourcen, wie etwa Bildung, dem Wohnungsmarkt oder dem Arbeitsmarkt ausschließt. Ich werde Sie jetzt nicht langweilen mit den vielen Zahlen und Statistiken, die belegen, dass Menschen mit vermeintlich fremden Namen, anderer Religion als der Christlichen oder uneindeutigem Geschlecht es noch immer sehr viel schwerer haben, eine Wohnung zu finden, dass sie in der Schule bei gleicher Leistung schlechtere Noten erhalten und überdurchschnittlich oft im Niedriglohnsektor arbeiten. Die Studien ‚Muslime in Europa‘ der Bertelsmann-Stiftung oder die Langzeitstudie ‚Die enthemmte Mitte‘ der Universität Leipzig geben erschreckende Einblicke in den Alltag unserer Gesellschaft. Deutschland hat ein Rassismusproblem. […]

Wenn Rassismus eine verfestigte institutionelle Ungleichverteilung von Macht ist, dann gilt dies nicht nur für den Arbeits-, Wohnungs- und Bildungsmarkt, sondern auch für den Kulturbetrieb und Kunstmarkt. Als System der Unterrepräsentation und des damit einhergehenden Ausschlusses von Ressourcen betrifft es Kunst- und Kulturinstitutionen, Theater und Opern, Museen und Galerien…“

Wobei der Begriff ‚Rassismus’ hier streng genommen nur teilweise zutrifft, da Öziri damit jede Ausgrenzung von Minderheiten beschreibt, jedwede Ablehnung und Verweigerung von Andersartigkeit.

In der Aussage hat er jedoch zweifellos recht:

„Wenn Rassismus, Klassismus oder Sexismus Systeme sind, die einen Raum ordnen, dann müssen Theater, Opern und Kulturinstitutionen Räume werden, die anders geordnet sind. Es müssen kleine Fenster werden, durch die wir in eine mögliche Welt blicken, es müssen kleine Modellstädte der offenen Gesellschaft werden oder, wie Foucault es nennen würde, ‚Heterotopien‘, andersartige Orte. […]

Politisches Theater braucht Raum für ‚die Anderen‘

[…] Dazu gehören People of Colour, Queers, Feminist*innen, afrodeutsche, postkoloniale, jüdische Stimmen, Refugees, Perspektiven aus der Sinti und Roma-Community, Menschen mit Behinderung und noch viele marginalisierte Stimmen mehr. Aber um nicht falsch verstanden zu werden: Sicherlich ist das Theater längst nicht nur ein Raum ausschließlich für diese Stimmen (um ehrlich zu sein: das ist die deutsche Theaterlandschaft immer noch am wenigsten) und es ist auch nicht sofort dann politisch, wenn es die Sprache der Minderheiten spricht. Aber umgekehrt gilt: Wenn ein Theater heute ein Ort sein will, an dem die gegenwärtige Gesellschaft reflektiert wird, dann ist es angewiesen auf diese Perspektiven. Das macht ein echtes politisches Theater immer auch zu einem postmigrantischen Theater. Es geht nicht nur darum, versehrten Menschen einen safe space für Empowerment zu geben, sondern genauso darum, dass wir als Gesellschaft diese Perspektiven benötigen, die ganze Gesellschaft – und nicht nur ‚die Anderen‘ – ist angewiesen auf einen solchen Raum.“

Unsere Theater, wie auch jede andere unserer Kulturinstitution – jede Kunsthalle, jedes kulturhistorische Museum und jedes Stadtmuseum – müssen diese unterschiedlichen Perspektiven miteinbeziehen und sich mühen, solche offenen Räume zu schaffen. Das ist heute die unbedingte Aufgabe aller Kulturakteure.

Und doch, so befürchte ich, würde sich einzig damit wohl wenig ändern, denn die Institutionen blieben immer noch Blasen, aus denen heraus man die Welt trefflich betrachten könnte, die aber mit der Welt nicht viel gemein hätten.

Necati Öziri beschreibt sehr eindrücklich, wie sich ihm kein Zugang zur Institution Theater öffnete und wie diese für ihn keine Relevanz besaß, weil sie seine Lebenswirklichkeit nicht widerspiegelte. Aber war dies für die Mehrheit seiner Mitschülerinnen und Mitschüler im Deutsch-Leistungskurs anders? Für diejenigen ohne Migrationshintergrund? Für die Arbeiterkinder, die als erste in Ihrer Familie das Gymnasium besuchten? Oder gar für die Kinder, deren Eltern Lehrer, Ärzte und Juristen waren? Wie viele von ihnen verstehen sich heute als kulturelle Elite? Wie viele von ihnen gehen heute regelmäßig ins Theater?

Wenn wir seinem Argument folgen, müssten die deutschen Theater von all jenen überrannt werden, die weiß, christlich, ohne Migrationshintergrund und heterosexuell sind. Selbst den Ansturm derjenigen, die zudem auch noch ein Interesse an der deutschen Sprache bewiesen, indem sie für ihr Abitur einen Deutsch-Leistungskurs absolvierten, könnten die Theater wohl kaum bewältigen.

Die deutschen Kulturinstitutionen sind hingegen das Refugium der ‚Weißrücken’: älter, gebildeter, wohlsituierter, deutscher und weißer als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die große Mehrheit zeigt kein Interesse für Kultur und frequentiert keine kulturellen Einrichtungen. Für diese Mehrheit hat Kultur keine Relevanz und ich bin mir nicht sicher, dass wir ihnen nicht sogar immer wieder vermitteln, Kultur habe ihnen nichts zu bieten.

Ich bezweifle, dass ein türkisch-stämmiger Arbeiter weniger von einer deutschen Kulturinstitution angesprochen wird als ein Arbeiter ohne Migrationshintergrund. Sonst müsste letzterer uns ja öfters besuchen. Das tut er nicht.

Unser Publikum besteht aus den genannten Weißrücken (die häufig auch als Kulturbürgertum bezeichnet werden) und gelegentlich ihren Familien, aus wenigen Gymnasiasten, die uns im Unterricht besuchen (da es nur einige wenige engagierte Lehrer gibt, die mit ihren Klassen Museen besuchen, und die diese kulturelle Aktivität eher als Freistunde betrachten denn als Erweiterung eines gesellschaftlich orientierten Unterrichts), aus Kindergartenkindern und aus etwa 30 bildungsbenachteiligten Kindern (vulgo, mit Migrationshintergrund) im Jahr, die in hochsubventionierten Programmen spannende Ferien-Workshops absolvieren. Grob geschätzt, erreichen wir nicht einmal 10% der Bevölkerung.

Dass Kunst spannend ist (und nicht unbedingt schön), dass Kunst sich mit wichtigen Dingen unseres Lebens auseinandersetzt, dass Kunst phantastische, berührende oder verstörende Geschichten erzählt, dass Kunst zum Denken anregt und beim Verstehen hilft, müssen wir immer wieder aufs Neue vermitteln.

Wir, im Kulturbereich müssen uns auf die Menschen zubewegen. Wir müssen die Menschen erreichen. Wir müssen unsere Häuser öffnen! Als Kulturschaffende müssen wir Arbeitern erklären können, weshalb es uns gibt. Wir müssen Hauptschüler in die Institutionen holen, und Lehrlinge. Wir müssen demokratisch, öffentlich und divers werden. Wir sehen uns als ein Teil der gesellschaftlichen Realität und sind doch viel zu häufig nur zurückhaltende Beobachter. Wir müssen gesellschaftlich integrativ arbeiten, mit allen und für alle. Wir haben hier einen ganz eindeutigen Bildungsauftrag!

Kultur ist ein hohes Gut! Wenn uns nicht gelingt, populärer zu werden und wir weiterhin in den ach so aufgeklärten Elfenbeintürmen verharren, können wir unsere Institutionen auch schließen. Bedeutung haben sie dann nur noch für das Feuilleton.

Und ja, dies bedeutet auch mehr in die Museumspädagogik und die Vermittlung zu investieren. Von alleine wird in diesem Bereich nichts geschehen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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